27.05.08
Mr. Univers
Am 24. Mai wurde Adrian Frutiger 80 Jahre alt. Für die schweizer Zeitschrift Hochparterre habe ich aus diesem Anlass einen Text geschrieben:
Adrian Frutiger: Mr. Univers
Wenn man, wie ich, in einem Alter ist, in dem man einiges hinter sich hat, wird man oft gefragt, welche Vorbilder man hatte und hat. Die Antwort kann man sich leicht machen und auf Menschen verweisen, die auf den internationalen und nationalen Heldenlisten ganz oben stehen, wie Gandhi oder Albert Schweitzer. Beliebt sind auch die eigenen Eltern, zumindest solange sie noch leben und solche Äußerungen lesen können. Für mich ist das seit über 30 Jahren ganz einfach: 1976 lernte ich Adrian Frutiger kennen. Mein Held ist er heute noch.
Der Kollege Adrian
Er war ein Kollege unter Kollegen, gab Rat, diskutierte, hörte zu und hatte Zeit für Fragen, die ein Anfänger wie ich kaum formulieren konnte. Im Rahmen der jährlichen ATypI Versammlungen, die damals noch recht kleine Veranstaltungen waren, trafen sich Schriftentwerfer, die sich alle untereinander kannten. Die meisten waren mit einem Hersteller verbunden, der sowohl die Setzgeräte als auch die dazugehörenden Schriften anbot. Also waren die Entwerfer eigentlich Konkurrenten, untereinander jedoch herrschte freundschaftlicher Umgang, wie immer, wenn sich Fachleute treffen, die in einem so überschaubaren Feld arbeiten, wie es das Schriftschaffen damals war.
Wir trafen uns wenig später im privaten Rahmen bei Walter Greisner wieder, seinerzeit Chef der D. Stempel AG, der Schriftgießerei innerhalb der Linotype Gruppe. In dieser kleinen Welt der Schriftschaffenden gab es keine Dünkel, und als Freund des Hauses durfte ich meinen Held gleich beim Vornamen nennen. Ich war kaum 30 und hatte noch keine eigene Schrift entworfen, war aber nach der Bekanntschaft mit Adrian überzeugt es versuchen zu müssen.
Univers 1957
Frutiger hatte gerade eine nach ihm benannte Schrift bei Linotype herausgebracht, die er ursprünglich für das Leitsystem des Flughafens Roissy (heute Charles de Gaulle) entwickelt hatte. Fast zwanzig Jahre vorher, 1957, war seine Univers veröffentlicht worden, bei Deberny & Peignot in Paris. Im gleichen Jahr übrigens, in dem die Citroen DS vorgestellt wurde – ein ähnlich radikaler Entwurf. Auch die Helvetica erschien zu dieser Zeit. Sie war als kommerzielle Antwort gedacht auf den Erfolg der deutschen Akzidenz Grotesk, die von den schweizer Gestaltern wegen ihrer neutralen Robustheit geschätzt wurde. Die Neue Haas Grotesk, wie die Helvetica anfänglich hiess, kam aus Münchenstein bei Basel und wurde entwickelt als Vervollkommnung (oder Vereinfachung, wenn man so will) bestehender Schriften. Die Univers hingegen war von Anfang an neu gedacht: als System von einander ergänzenden Fetten und Weiten, die eine Familie mit 21 Schnitten bildeten. Dieses unglaubliche Projekt, für das zigtausende Stahlstempel graviert werden mussten (jedes Zeichen in jeder Schriftgrösse), war ausgedacht und angefangen von einem Schriftentwerfer aus dem Berner Oberland, der, nicht einmal 30 Jahre alt, in Paris bei seinem ersten Arbeitgeber bereits freie Hand für diese Riesenaufgabe bekommen hatte.
Dieses revolutionäre Schriftprojekt brachte frischen Wind zunächst in die Schweizer Szene. Damals gab es Gestaltungsfraktionen, die nicht nur Städten und Hochschulen zuzuordnen waren, sondern auch ihrer Treue einer Schrift gegenüber. Bald also existierte neben den Akzidenz-Grotesk-Anhängern auch eine Univers-Fraktion, von der Helvetica-Gemeinde ganz zu schweigen. Jede Schrift bringt einen eigenen Gestaltungskanon mit sich, also war für viele Gestalter die Wahl der Schrift gleichsam eine Richtungsentscheidung. Es gab seinerzeit recht wenig Auswahl an Schriften, denn ausser an Setzsysteme war die Wahl auch an die jeweilige Druckerei gebunden.
München 1972
Im Ausland wurde die Univers nicht so schnell angenommen wie ihre schweizerische Halbschwester Helvetica. Aber spätestens zur Olympiade in München 1972 wurde sie schlagartig allen Gestaltern weltweit bekannt. Otl Aicher hatte mit seinem Team ein Erscheinungsbild entwickelt, in dem die Univers eine zentrale Rolle spielte. Leichte, freundliche Farben und ein präziser, aber flexibler Raster verhalfen der Schrift zu einem einzigartigen Auftritt.
Leitsystem Roissy
Zu dieser Zeit war Frutiger bereits mit dem Projekt Roissy beschäftigt. Inzwischen hatte er zwanzig Jahre Erfahrung als Schriftentwerfer und sich nach dem Bleisatz auch mit dem Fotosatz und frühen digitalen Satzmethoden befasst. Er selbst kannte die Schwächen der Univers, wenn es um den Einsatz für Leitsysteme ging, die anderen Gesetzmässigkeiten unterworfen sind als Lesetexte auf Papier. Auch wenn heute noch Flughäfen und Bahnhöfe mit Schildern in Univers versehen werden, hatte Frutiger bereits damals erkannt, dass ein ganz anderer Schrifttyp nötig war. In einem Gespräch sagte er mir Anfang der 90er Jahre, dass die Univers nicht für „Signaletik“ geeignet sei. Damals hatten wir für das Leitsystem der Berliner Verkehrsbetriebe eine schmale Version der Frutiger gesucht, die es jedoch noch nicht in digitaler Form gab. Also mussten wir selber Ausdrucke der Schrift digitalisieren und einige eingebrachte Änderungen vom Entwerfer des Originals absegnen lassen. Wir hatten dabei auch eine echte Kursive gezeichnet, weil der typische Frutigersche schräge Schnitt nicht genügend Unterscheidung bot für die Mitteilungen auf den Schildern in der U-Bahn. Adrian kommentierte die Entwürfe, die ich zeigte mit einem „Das ist nicht schlecht, aber ich hätte das nicht so gemacht“: Freibrief und Kritik in einem Satz. Er selbst hatte für seine serifenlosen Schriften aus grundsätzlichen Überlegungen nie kursive Formen in der Tradition der Antiqua gezeichnet, sondern immer nur geneigte Versionen der geradestehenden Schnitte. Bei der Neuauflage unter dem Namen Frutiger Next hat er sich dann doch überzeugen lassen von den Anforderungen des Marktes und eine echte Kursive zugelassen, die unserer Transit Kursiv von 1991 recht ähnlich sieht.
System mit Gefühl
Ich kenne keinen anderen Schriftentwerfer, der soviel gestalterisches Gefühl mit einem systemischen Ansatz vereint. Frutigers Schriften sind immer geplant, sehen aber nie so aus. Er hat Zahlenmodelle entwickelt für Strichstärkenverhältnisse und Breitenproportionen, aber nie a priori per Gleichung oder Interpolation, sondern immer nach seinem untrüglichen Gefühl für das richtige Mass. Kein Entwurf ist je mit dem Anspruch angetreten Bestseller oder Klassiker zu werden, sondern immer mit dem Blick auf die gestellte Aufgabe, die meistens vom Auftraggeber kam und nur gelegentlich aus dem Willen, sich an einem besonderen Typus zu versuchen. Adrian Frutiger hat schon vor vielen Jahren entschieden, dass er zu jeder Schriftklassifikation seinen Beitrag geleistet hat und sich nur noch wiederholen könnte. Gut, dass er sich wenigstens hat überreden lassen, die neuen Ausgaben seiner vielen Klassiker gestalterisch zu begleiten, denn die heutige Technik erlaubt alle Feinheiten, die seinerzeit nicht realisierbar waren.
Wer sich an einer Schrift versuchen will, sollte wissen, dass wir nicht die schwarzen Striche gestalten, sondern den weissen Raum dazwischen. Adrian Frutigers Methode, mit der Schere aus schwarzem Papier Formen zu schneiden und diese dann zu Buchstaben und Zeichen zusammenzusetzen, geht nach seinem eigenen Bekenntnis auf die Tradition seiner Heimat Interlaken zurück. Sie hat ihm das beste Werkzeug an die Hand gegeben, sein untrügliches Gefühl für Innen- und Aussenform, für Rhythmus, Kontrast, Spannung und Regelmässigkeiten in Formen umzusetzen, die mehr sind als alphanumerische Zeichen.
Was ist die beste Schrift der Welt für das lateinische Alphabet? Natürlich die Frutiger. Sie verbindet das Talent eines bescheidenen Gestalters, der sich über fünfzig Jahre lang in den Dienst dieser kleinen Zeichen gestellt hat, mit dem Wissen und der Erfahrung aus allen Techniken, die seitdem gekommen und gegangen sind. Gut, dass diese Schrift, die er unter dem Namen Concorde angefangen hatte, heute seinen Namen trägt. Damit steht er neben Garamond, Caslon, Bodoni, Gill und den anderen Schriftentwerfern, die ihre Epoche in Buchstaben ausgedrückt und festgehalten haben.
Ihm ist diese Verehrung wahrscheinlich schrecklich peinlich.
Alles neu
macht der Mai. Bisher jedoch nicht. Seit ich wieder in Europa bin, habe ich viele Bilder gemacht für etliche Blogbeiträge. Aber alle ruhen noch auf meiner Festplatte und jetzt ist zunächst die TypoBerlin angesagt.
Comments (1) | TrackBack (0)25.04.08
San Francisco Spaziergänge, 7.
Heute ist mein letzter Tag hier in San Francisco für die nächsten paar Monate. Gerade noch genug Zeit, endlich die Dienstagsausgabe (mit Technik & Motor-Beilage) der FAZ in meinem Lieblingszeitungsladen zu kaufen. Auf der anderen Straßenseite gibt es ein Café mit freiem Internetzugang, montags bis freitags. Als ich dort meinen Kaffee holen wollte, zählte ich 12 Gäste, jeder und jede vor einem Computer sitzend. Ich konnte kein richtiges Foto machen, ohne dass es peinlich wurde für mich oder die Leute dort, also knipste ich unter der Hand ohne hinzusehen. Zu sehen sind die fünf Leute auf der einen Seite des Raumes.
Starbucks schräg gegenüber hat auch Internetzugang, aber nur für Leute mit einem T-Online Vertrag. San Francisco wird bald in der ganzen Stadt ganz offiziell kostenlosen Internetzugang haben. Dann können die Leute wieder ihr Café aussuchen nach der Qualität der Speisen und Getränke.

San Francisco Spaziergänge, 6.
In Kalifornien gibt es viele Ortschaften, die nach Heiligen benannt sind. Und weil die spanischen Missionare hier lange vor den englischsprachigen Siedlern waren (und auch vor den Russen, die aus Alaska kamen und in Namen wie Russian River ihre Spuren hinterlassen haben), fangen diese Orte an mit San oder Santa, je nach Geschlecht des oder der Heiligen. Also San Jose, Santa Barbara, San Rafael, Santa Clara, und natürlich San Francisco. Diesen Namen habe ich an einem Laden am Washington Square gefunden.
Von dem Heiligen habe ich noch nie was gehört.
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San Francisco Spaziergänge, 5.
Der Tag heute war rosa.

San Francisco Spaziergänge, 4.
Es ist erstaunlich, wieviele Autos hier herumfahren oder einfach an der Straße geparkt sind, die bei uns all Klassiker unter einem weichen Tuch versteckt würden. Zum Beispiel dieser Mercedes 280SE von ca. 1969 mit dem 4,5l Motor. Dieser Typ wurde in Europa kaum verkauft, weil bei uns schon damals das Benzin viel mehr kostete als in den USA. Hier kann man heute so einen Wagen für weniger als $5000 kaufen (das wären €3000!), weil der Benzinpreis hier an der Westküste inzwischen auch bei mehr als $4 angekommen ist (pro Galone, also 3,8l). Für uns immer noch billig (etwas mehr als ein Dollar pro Liter, also bei uns 70 Cent), aber hier schon für viele Erstbesitzer Grund genug, sich Gedanken zu machen über die Nachteile dieser mächtigen, unzerstörbaren, fantastischen, durstigen Motoren.